Eine ,,Vineta" - Sinfonie

 

Stephanie Langenberg und Ettore Prandi über das Komponieren und über seine 2. Sinfonie 

 

 

L. Herr Prandi, Sie sind in Mailand geboren, erklärten Deutschland 2004 zu Ihrer Wahlheimat und leben seit fünf Jahren in Hamburg. Dort sind Sie nicht nur als musikalischer Leiter an der Kammeroper, sondern auch als freischaffender Komponist, Pianist und Dirigent tätig. Wussten Sie immer schon, was Sie beruflich machen wollen?

 

P. Meine Familie ist keine Musikerfamilie. Als Kind – oder auch als pubertierender Mensch – findet man alles interessant. Jeder will irgendwann Polizist und Arzt oder Ingenieur werden, unter anderem auch mal Musiker. Man denkt, da kommt eine Phase, die Phase

endet immer, aber die Phase „dann könnt' ich Musiker werden“ hält bei mir immer noch an bis jetzt. Ich habe also Klavierunterricht genommen. Ich wollte mich von Anfang an auf eine Art mit Musik beschäftigen, die auch das Schreiben nicht ausschließt. Und da kam mir die Idee, Komposition zu studieren.  

 

L. Können Sie sich an den Moment erinnern, als eine Ihrer Kompositionen zum ersten Mal von einem Orchester aufgeführt wurde? 

 

P. Das war am Ende der Studienzeit. Mit meiner „Fantasie für Orchester“ hatte ich den 1. Preis bei einem Kompositionswettbewerb gewonnen und durfte die Probenphase und die Uraufführung miterleben.

 

L. Was sind Ihre Erwartungen an ein Orchester, wenn es die Musik, die bis dato nur in Ihrem Kopf existiert hat, interpretiert, also akustisch hörbar macht?

 

P. Natürlich versuche ich, mir das klangliche Ergebnis so gut wie möglich vorzustellen. Trotzdem ist ein bisschen Spielraum notwendig – wie in einem Theaterstück: Man weiß genau, was die Figuren sagen werden, aber wenn der Satz dann doch in der Stimme des Schauspielers erklingt, freut man sich über überraschende Ergebnisse einer Interpretation. Irgendwann wird diese Kombination von eigenen Ideen, die man Komposition nennt, abgegeben, damit das Werk „weiterlebt“. Man hat zwar weniger Einfluss darauf, aber das ist auch das Spannende: Es ist sogar zu erhoffen, dass man überrascht wird.

 

L. Wie gehen Sie an eine Komposition heran?

 

P. Zuerst muss eine allgemeine Idee kommen, eine Inspiration. Und wenn ein paar Grundideen klar sind, schreibe ich meistens – noch per Hand – eine Art Particell, einen Entwurf, der etwas ausführlicher als ein Klavierauszug, aber noch keine endgültige Partitur ist: ein relativ vollständiger Ablauf der Ideen. Danach kommt der Schritt, bei dem es etwas mehr ins Detail geht, und die Endfassung schreibe ich – aus praktischen Gründen – am Computer.

 

L. Ihre Kompositionen entstehen also nicht am Klavier?

 

P. Am Klavier kann ich gewisse Kombinationen ausprobieren und die eigene Vorstellung mit einem klanglichen Ergebnis vergleichen. Wenn man in einem Text einen langen Satz schreibt, dann liest man ihn noch mal langsam, ob zum Beispiel die Kommata an der richtigen Stelle sind, manchmal auch laut. Ich will aber vermeiden, dass die Hand auf der Tastatur vorschreibt, was komponiert wird, das entscheidet der Kopf.

 

L. Die „Vineta“-Sinfonie ist ein Auftragswerk von Florian Csizmadia und dem Philharmonischen Orchester Vorpommern. Ihre Komposition musste dem Orchester Mitte März dieses Jahres vorliegen. Wie gehen Sie mit Fristen um und der Ihnen abverlangten Kreativität „auf Knopfdruck“?

 

P. Es ist ein Prozess, der eigene Regeln hat. Die Abgabefrist habe ich nicht als einen unangenehmen Druck empfunden. Vielmehr war sie eine Hilfe, um meiner eigenen Arbeit eine Struktur zu geben. Ich rede mit Florian Csizmadia seit mindestens einem Jahr über dieses Projekt. Im Oktober war ich ein paar Tage auf einer Hallig. Es war nie „Land unter“, es ist nichts Besonderes geschehen, was mich zum Thema einer versunkenen Insel inspirieren konnte, aber da hatte ich die Zeit, mich intensiver mit dem Projekt „Vineta“ zu beschäftigen und den genauen Ablauf zu planen. 

 

L. Können Sie Ihr Werk kurz beschreiben?


Die Form der Komposition besteht aus einem Thema und Variationen. Manchmal ist das Thema in der Variation erkennbar, manchmal wird es einfach zu etwas Neuem, worin das Prinzip der Variation kaum mehr wahrgenommen werden kann.
Das Werk beginnt mit einer langsamen Einleitung, in der uns wellenartige Figuren der von Harfe und Celesta auf eine Landschaft einstimmen; durch den Einsatz von Flöten werden wir an stilisierte Vogelrufe erinnert. Diese Elemente tauchen im weiteren Verlauf immer wieder auf. Alsdann erklingt das Thema zuerst in den Violinen, und wird sogleich von den tieferen Streichern imitiert. Es schließen sich verschiedene Variationen an, die sich zuerst in Sekunden Sekundabständen bewegen, dann in Terzen, dann in Quarten usw. Inmitten des Einsatzes der kleinen Trommel erklingt eine Volksliedmelodie, die zunächst vom Fagott vorgetragen wird. Natur, Tier- und Menschenwelt sind in dieser Komposition omnipräsent. Die Motive werden weiterverarbeitet, die Komposition ihrem Höhepunkt zugeführt. Nach der sich anschließenden Reprise des Themas, in die eine Art „Vergebungschoral“ vierer Streicher-Soli eingebettet ist, rundet ein an den Anfang erinnernder Epilog die Komposition ab.

 

L. Ist Ihre Sinfonie Programmmusik?

 

P. Dank des Titels der Sinfonie kann jeder Zuhörer aus der Musik Vieles heraushören. Trotzdem folgt das Werk keinem Programm. Ich wollte nie Programmmusik schreiben, auch diesmal nicht, da ich keinen klaren Ablauf einer Geschichte darstellen möchte. Mich interessiert die Idee der versunkenen Stadt an sich – einer Stadt, die sich der Legende nach viel vorgenommen hat und irgendwann durch Hochmut das eigene Schicksal heraufbeschwor. Durch die ganze Sinfonie zieht sich das Thema der Vergänglichkeit. Menschen werden geboren und sterben. Kulturen entwickeln sich und vergehen. Inseln entstehen und versinken wieder. 

 

Download
Livemitschnitt aus Greifswald (2018)
Philharmonisches Orchester Vorpommern unter der Leitung von Florian Csizmadia
2. Sinfonie Hörbeispiel.mp3
MP3 Audio Datei 4.3 MB